Die Trolle vom Ketelwald

Eine fantasievolle Geschichte. Ist es Traum oder Wirklichkeit?

 

Kapitel 1

Der Bürgermeister und die Windkraftgegner!

 

Der Ketelwald lag in den Abendstunden ruhig da. Kaum ein Tier war zu hören, während die letzten Strahlen der Sonne durch sein Blattwerk drangen. Mächtige, mit Moos bewachsene Bäume ragten Dutzende von Schritten in die Höhe, und zwischen ihnen bildeten Büsche und Farne ein undurchdringliches Unterholz.

Als die schnellen Schritte einer kleinen militanten Gruppe von Windkraftgegnern schließlich auf dem feuchten, glitschigen Waldboden verhallten, kehrten auch die alltäglichen Geräusche des Forstes zurück und erinnerten Franz, den erfahrenen Bürgermeister der kleinen Grenzgemeinde am Ketelwald, an die vielfältigen Gefahren, die sein Leben nun bedrohten.

Vergeblich rüttelte er an den dicken Eisenstangen seines Käfigs. Natürlich gaben sie nicht nach. Alles in allem haben meine Gegner gute Arbeit geleistet, ging es Franz durch den Kopf.

Auch wenn er aufrecht sitzen konnte, solange er die Beine herausbaumeln ließ, war der Käfig eng und unbequem und schaukelte bei jeder Bewegung. Die kalten Stangen drückten gegen seine nackte Haut und gruben sich schmerzhaft in sein Fleisch. Zu eng waren sie, als dass er hätte hindurchschlüpfen können, doch ohne Frage würde das Maul eines Wolfes oder die Tatze eines Bären ihn erreichen können.

Seine Widersacher hatten die Eisenkonstruktion sorgfältig überprüft und den schweren Bolzen mit Hammerschlägen in der Verankerung verkeilt. Ohne Werkzeug war es unmöglich, den Eisenstift zu entfernen und die kleine Tür zu öffnen. Die Kette, mit welcher der Käfig an dem dicken Ast befestigt war, war ebenso fest und zuverlässig geschmiedet. Auch der Baum war gut ausgewählt, ein altes starkes Eichengewächs, an dessen Stamm feuchtes Moos emporwuchs. Dieser Baum hätte sicher noch viele Jahrhunderte Leben vor sich und würde noch weiter wachsen, wenn er nicht einer großen, geplanten Windkraftanlage weichen müsste, die Franz mit demokratischer Mehrheit in seinem Rat der Grenzgemeinde durch gesetzt hatte. Die Freiheit war nur zwei Schritt unter ihm, und sie leuchtete im Abendlicht verlockend grün, doch Stan hätte in seinem Käfig statt den zwei Schritt auch hundert hoch hängen können, denn der Boden blieb für ihn unerreichbar.

Wenn er bedachte, dass militante Windkraftgegner mit ihrer Gewaltaktion verhindern wollten, das Aussetzen eines mehrheitlichen Ratsbeschlusses zu erzwingen, der nicht nur ein wirtschaftlicher Erfolg für seine Gemeinde darstellen sollte, sondern auch dazu beitrug den Ausstieg aus der alles bedrohenden Kernenergie vorantrieb, so konnte er durchaus die Ironie seiner ausweglosen Lage erkennen.

Die Idee aber, einen mit großer demokratischer Mehrheit gewählten Bürgermeister in einen Metallkäfig zu stecken, konnte nur von einer radikalisierten Minderheit von meist auswärtig angereisten Chaoten stammen, die glaubten mit ihrer kriminellen Aktion das Recht beugen zu können.

Früher hatte man, so ging es Franz durch den Kopf, Übertätern einfach mit festen Stricken an die Bäume gebunden. In den alten Tagen war dies eine Art Gottesurteil gewesen, und nicht wenige Geschichten seiner Heimat erzählten von jenen, die durch Glück oder Geschick dem sicheren Tod entkommen und zurückgekehrt waren, um Rache zu nehmen an jenen, die ihnen den Tod hatten bringen wollen. Franz lachte bitter auf. Diese radikalen Gegner der Windkraftanlagen wollten allemal sicherstellen, dass die Götter ihre Urteile im Sinne der alten Rituale fällten. Oder besser gesagt ihr Gott, denn sie verhöhnten im Grunde die demokratischen Gesetze des Landes und hofften das dämonische Kräfte ihr kriminelles Werk vollendeten.

Ohne fremde Hilfe würde Franz sich aus dieser Falle nicht befreien können, und so tief im Wald verborgen würde ihn niemand finden, bevor er starb. Das grobe Hemd, das sie ihm als einziges Kleidungsstück gelassen hatten, bot wenig Schutz vor den Elementen. Hinzu kamen die Auswirkungen der Folter, die Franz nicht gerade widerstandsfähiger gemacht hatte.

Er konnte sich gut vorstellen, wie er aussah, nur mit dem schmutzigen Leinenhemd bekleidet, überall grün und blau geschlagen, das weiße Haar nass und stränig, das schmale Gesicht von Erschöpfung, Schmerz und Schlafmangel gezeichnet.

Vermutlich sehe ich jetzt schon aus wie ein wandelnder Toter, dachte Franz und grinste finster. Es schien tatsächlich an der Zeit zu sein, sich mit dem Gedanken an den Tod abzufinden. Schnell verdursten würde er nicht, dazu war es zu feucht, und vermutlich würde es in den nächsten Tagen mehr als genug regnen. Wenn er also nicht verhungerte, würde ihn eine der unzähligen Gefahren des dunklen Waldes das Leben kosten.

Zur Entspannung war Franz oft in den Wald gegangen, einfach abschalten vom täglichen Arbeitsstress, nur sich der Natur hin geben und neue Kraft tanken. Er wusste mehr als genug über seinen Heimatforst. Schon vor seiner Amtszeit als Bürgermeister hatte er sich ausführlich und intensiv mit allen Themen der Waldwirtschaft in seiner Gemeinde auseinander gesetzt. Nicht zuletzt deshalb hatte er sich auch entschieden die Windkraftanlage am Rande des Ketelwaldes zu befürworten.

Aber Franz kannte auch viele Geschichten, die man sich abends bei Kerzenschein und einem Glas Bier oder Wein erzählte, es waren natürlich Ammenmärchen, aber unter all dem Aberglauben verbarg sich auch ein Körnchen Wahrheit.

So soll im klevischen Teil des Ketelwaldes ein Götzentempel mit einem Weihestein gestanden haben, der dem römischen Gott Mercurius geweiht war. Ihm sollen hier Tier- und Menschenopfer dargebracht worden sein. In dieser Zeit, so erzählt es eine alte Sage, sollen Menschenopfer aus dem Tempel in den tiefen Wald geflüchtet sein. Aus ihnen sollen dann die sogenannten Waldtrolle hervor gegangen sein, die im Laufe der jahrhunderte alles Menschliche abgelegt hatten. Es gab also gute Gründe, den Wald nachts zu meiden, und je tiefer man sich hereinwagte, desto gefährlicher wurde es. In den lichtlosen Tiefen schlichen diese Kreaturen durch das Unterholz, denen man besser aus dem Weg ging. Wölfe und Bären, die den Städtern und Bauern der Umgebung seit Urzeiten solche Angst einjagten, wirkten gegen diese dämonischen Gestalten geradezu harmlos. Schlimmere Dinge als Tiere, die ohnehin die Nähe der Menschen eher mieden bedrohten alle, die versuchten im Herzen des Forstes vor zu dringen. Und in der Nacht kamen diese Kreaturen aus ihren Löchern gekrochen auf der Suche nach Opfern und Beute, so erzählte man sich über Generationen hinweg.

Diese spitzohrigen Trolle waren gnadenlose Jäger, die Mensch und Tier aus bloßer Freude am Töten mit ihren zielsicheren Pfeilen spickten. Sie duldeten keinerlei Eindringen in ihren Lebensraum im Herzen des Waldes. Neben ihnen gab es noch die verfluchten Blutdrachen, die in eine fremde Gestalt schlüpfen konnten und mit ihren tödlichen Reißzähnen und Klauen kaum zu besiegen waren. Von anderen dämonischen Kreaturen hatte Franz nur gehört, doch auch in den geflüsterten Geschichten mochte durchaus ein Körnchen Wahrheit stecken. Vermutlich würde er es schon bald herausfinden. Er lachte freudlos, als er daran dachte, dass diese Bekanntschaft wohl eine kurze und äußerst unerfreuliche werden würde.

Inzwischen war die Sonne gänzlich über den hohen Baumwipfeln verschwunden und beleuchtete nur mehr die niedrig hängenden Wolken am Himmel. Zusammen mit dem letzten Licht der Sonne schwand auch seine letzte Hoffnung auf Rettung. Nur wenige Aufrechte würden es wagen, nachts in die Wälder einzudringen, selbst wenn sie denn überhaupt wüssten, dass er noch lebte.

Franz konnte kaum noch klar denken und versuchte, eine bequemere Körperhaltung zu finden, doch irgendwie schien er überall blaue Flecken zu haben. Vielleicht finde ich heute Nacht ja sogar etwas Schlaf.

Aber an Schlaf war kaum zu denken, auch wenn Franz von den Entbehrungen der letzten Tage und den Verhören der Windkraftgegner stark erschöpft war, denn zu unbequem war sein luftiges Gefängnis. Dazu kreisten seine Gedanken unablässig um seine Freunde, die ihn bei seinem Vorhaben, eine Windkraftanlage am Ketelwald bauen zu lassen, politisch unterstützten und die Gefahren, die möglicher Weise auch ihnen drohten.  

Mit der Dunkelheit drangen mehr und mehr fremdartige Geräusche an seine Ohren, Tiere schrien, das Laub raschelte, und immer wieder erhaschte Franz aus den Augenwinkeln eine Bewegung. Die einsetzende Dunkelheit verwandelte den Wald, die Bäume erhoben sich als dunkle Schatten, und zwischen ihnen herrschte schon bald Finsternis, die alle möglichen Schrecken verbergen mochte.

 

 

Kapitel 2

Ist der Bürgermeister noch zu retten?

 

Zunächst schien noch der Mond, doch dann türmten sich dunkle Wolken am Himmel auf. Bald schon konnte Franz nur noch wenige Schritt weit sehen, was das nächtliche Spektakel der Waldtiere noch unheimlicher machte. Aber schließlich gewann die Erschöpfung Oberhand, und Franz verfiel in einem tiefen Traum.

In diesem Traum erschien ihm Jan der Fischersohn aus Nütterden. Der Fischersohn war bekanntlich mit großen magischen Fähigkeiten ausgestattet und ist immer dann, wenn er entsprechende Hilferufe über mystische, atmosphärische Schwingungen erfuhr, sofort zur Stelle um zu helfen.

Durch seine magische silberne Kette, die er einst von Lohengrin dem Schwanenritter bekommen hatte, war ein ständiger, unsichtbarer Schutzschild um ihm herum, so das Jan gegen alle Gefahren in der mystischen Welt gefeit war.  

Jan analysierte die Situation schnell. Er vernahm, dass sein Freund Franz der Bürgermeister, in großer Gefahr war. Was genau geschehen war wusste Jan noch nicht, aber ihm war bekannt, dass eine wilde Horde von Waldtrollen im Tiefen Ketelwald hausten, die alles und jeden töteten, wenn man ihnen zu Nahe kam.

Jan machte sich von seinem Fischerhaus am Renneken in Nütterden auf, zum großen Zauberer Merlin nach Grafwegen. Von hier aus wollte er dann mit der Hilfe des Magiers zu den Trollen in den Tiefen des Ketelwaldes vor dringen. Der Magier erwartete den Fischersohn schon und begrüßte seinen Freund herzlich. Immer wenn in der Region Gefahr von den dämonischen Kräften drohte hatten beide sich zum Wohle der Menschen zusammen getan um  zu helfen wo es nötig war. Er wollte Jan in den tiefen Ketelwald begleiten um den Hilferuf den der Fischersohn erhalten hatte nachzugehen. Der Zauberer unterrichtete Jan überraschend, dass es nur noch eine kleine Meute von Waldtrolle im Ketelwald gibt. Aus unerklärlichen Gründen hatten sich die Trolle in den letzten Jahrzehnten dramatisch reduziert. Merlin hatte immer mystischen Kontakt zu den Trollen gefunden und war zum Beschützer der seltsamen Kreaturen geworden. Durch ihr wildes, gefährliches Aussehen waren die Trolle von allen gefürchtet. Sie hatten sie sich allerdings unbemerkt von der Umwelt, zu ganz friedlichen Zeitgenossen gewandelt. Jan war froh, dass von den Waldtrollen vermutlich keine Gefahr auszugehen schien. Trotzdem drängte er zur Eile.

Bürgermeister Franz erwachte jäh aus seinem Traum, der plötzlich von einem heftigen Unwetter beendet wurde. Eiskalter Regen weckte ihn, und der grollende Donner ließ ihn zusammenzucken. Kalte Winde zerrten an seinem Leinenhemd und trieben den Regen fast waagerecht vor sich her. Innerhalb weniger Augenblicke war Franz vollkommen durchnässt und fror erbärmlich.

Immer wieder schlugen Blitze in der Ferne ein, erhellten die dunkle Waldlandschaft für einige Augenblicke und wurden von mächtigen Donnerschlägen gefolgt. Franz konnte sich nicht erinnern, jemals einen solch wütenden Sturm erlebt zu haben. Vielleicht lag es aber auch nur an seiner unbequemen Warte, die ihn dem Zorn der Elemente schutzlos auslieferte. Der schwere Eisenkäfig schaukelte im Wind, der Ast knarrte bedrohlich, und es kam Franz so vor, als werde er sogleich zu Boden stürzen. Doch die starke Eiche hielt und würde wohl zur letzten Ruhestätte für den Bürgermeister werden.

Mutlos kauerte er sich zusammen und schlang die Arme um den Oberkörper, um sich ein wenig zu wärmen. Vielleicht würde er schon in dieser Nacht erfrieren, denn zu dem Regen gesellten sich jetzt auch noch eisige Hagelkörner, die ihn schmerzhaft trafen.

Niemals seine Heimat wieder sehen, seine Familie, seine Freunde … Verzweiflung überkam ihn und raubte ihm die letzte Kraft aus den müden, geschundenen Gliedern. So saß er da, während das Unwetter um ihn herum tobte. Er musste an die warnenden Worte seiner Freunde denken, die er so leichtfertig in den Wind geschlagen hatte. Sie hatten ihn gebeten, nachdem sich anonyme Drohungen häuften, das bei immer mehr Menschen umstrittene Bauvorhaben der Windkraftanlage, nicht durchführen zu lassen. Aber er war überzeugt für seine Gemeinde das richtige zu tun. Einzelne Worte, einigen Gemeindemitgliedern gegenüber, waren unversöhnlich gewesen, und nun würde er sterben, ohne sie wieder gutmachen zu können.

Ein Knacken, das sogar das Rauschen der Bäume im Wind übertönte, ließ ihn aufschrecken. Hastig suchte er mit Blicken die kleine Lichtung ab, doch in der Dunkelheit konnte er wenig erkennen, bis ein gezackter Blitz über den Himmel zuckte und den Wald für einen Augenblick erleuchtete.

Grelle Nachtbilder tanzten durch Franz seinem Blickfeld, mehrere riesige, menschenähnliche Gestalten, die auf der Lichtung standen. Es dauerte einige hämmernde Herzschläge lang, bis sich seine Augen wieder an die Dunkelheit gewöhnt hatten, Herzschläge, in denen er sich einredete, dass er sich getäuscht habe, dass dort in der dunklen Nacht nichts gewesen sei.

Und dann sah er sie, schwarze Schatten vor der Dunkelheit des Waldes. Vier, nein fünf, fast doppelt so groß wie ein Mann, mit mächtigen Schultern und langen, muskulösen Armen. Wie von Sinnen vor Angst warf sich Franz gegen die Stangen des Käfigs, um ihnen zu entkommen. In der Finsternis sah er eines der Ungeheuer auf sich zugehen. Verzweifelt versuchte er von dem Wesen weg zu kommen, doch es war unmöglich. Hilflos musste er zusehen, wie der Schatten sich näherte, bis die Kreatur kaum eine Armeslänge entfernt stehen blieb. Obwohl der Käfig sicherlich zwei Schritt über dem Boden hing, war es dem Monstrum ein Leichtes, hineinzuspähen. Wieder zuckte ein Blitz über den Himmel, wieder war die Lichtung für einen Herzschlag in Licht getaucht.

Abgrundtiefe Furcht erfüllte Franz, als er das ebenso massige wie hässliche Haupt sah. Der Kopf war grob menschlich, doch die Linien des Gesichts verliefen nahezu gerade, und die hohen Wangenknochen und das kantige Kinn wirkten wie in Stein gemeißelt. Sein Magen zog sich zusammen, als er die Augen sah, die sich unter knochigen Brauen verbargen, während die Ohren viel zu klein für den riesigen Kopf schienen. Die Stirn war flach und seltsam gefurcht, und darüber ragten fingerdicke, hornige Auswüchse auf, die Franz in Ermangelung eines besseren Wortes als Haare bezeichnete. Zudem wölbten sich zwei mächtige, lange Hörner von der Stirn über den Schädel, was dem Monstrum ein dämonisches Aussehen gab. Am Fürchterlichsten jedoch war das Maul der Kreatur, breit und mit vollen Lippen, hinter denen gewaltige Hauer wie die eines Ebers zum Vorschein kamen, als es sie hämisch zurückzog.

Unfähig, sich zu rühren oder gar etwas zu sagen, starrte Franz auf die albtraumhafte Erscheinung. Sein Herz schlug schmerzhaft schnell, als das Monstrum mit einer der riesigen Pranken nach dem Käfig griff und ihm einen Stoß versetzte, der ihm durch Mark und Bein fuhr. Schließlich beugte es sich nach vorn, und er konnte ein Schnaufen hören, als wolle es in der Dunkelheit seine Witterung aufnehmen. Nach einer schier endlosen Zeit wandte sich das Wesen ab und stapfte zurück zu seinen Gefährten.

Der Regen dämpfte die Geräusche, die es von sich gab, aber Franz vernahm raue Laute, die tief aus der Kehle kamen. Bevor er sich einen Reim auf diese Ungeheuer machen konnte, kehrte eines zu ihm zurück, ergriff ohne viel Federlesens die Eisenstangen des Käfigs und rüttelte an ihnen. Der Gefangene wurde von einer Seite auf die andere geschleudert und schlug schmerzhaft gegen die harten Gitterstäbe. Verzweifelt klammerte er sich fest, bis das Monstrum von dem Käfig abließ und ihn musterte.

»Sprichst du? «, fragte es unvermittelt. Die Worte klangen kehlig, aber verständlich. Bei allen Geistern, das Geschöpf spricht meine Sprache!

Für einen Herzschlag lang war Franz zu überrascht, um zu antworten, doch als das Wesen wieder nach dem Käfig griff, beeilte er sich zu bejahen:

»Ja…… ja, ich kann sprechen. «

»Gut. Was tust du hier? «, grollte die tiefe Stimme über die Lichtung.

»Äh….. Sterben? Ich bin gefangen und soll hier verrecken«, antwortete Franz.

»Gefangen? Von wem?«

»Es waren feige, hinterhältige Windkraftgegner «

»Windkraftgegner? Was sind Windkraftgegner? «

»Es sind Menschen. «

»Wir wissen, was Menschen sind«, unterbrach ihn das Wesen mit donnernder Stimme.

»Militante Windkraftgegner wollen mich vernichten, weil ich als Vorsteher meiner Gemeinde beschlossen habe eine Windkraftanlage am Rande des Ketelwaldes zum Wohle meiner Gemeinde, zu errichten. Oder zumindest würde ich das gern. Um das über  jahrhunderte gewachsene Leben im tiefen Ketelwald nicht zu stören hatten Fachleute mir und meinem Gemeinderat daher empfohlen, die Windkraftanlagen am windreichen Rand des Ketelwaldes zu bauen um für uns Menschen dringend benötigte Energie zu erzeugen. «, sprudelte es aus dem Bürgermeister heraus.

Sein Gegenüber legte misstrauisch den gewaltigen Kopf schief.

»Nicht so schnell«, knurrte es. »Was ist Energie? Gibt es noch mehr Menschen hier? Oder bist du allein? «

Bevor Franz näheres erklären konnte, sah er voller Angst wie die Gruppe der Trolle immer unruhiger wurde, deshalb rief er rasch:

»Ja, jaaaa ich bin allein. «

Diesmal wandte das Wesen sich an seine vier Begleiter und brüllte nachdem er sich mit einem rundum Blick vergewissert hatte, quer über die Lichtung:

»Er ist allein«, was diese veranlasste, sich zu nähern und sich neugierig um den Käfig herum aufzubauen. Plötzlich war Franz von einer Hand voll gewaltiger Kreaturen umgeben, die ihn neugierig musterten. Ihre hässlichen Schädel näherten sich dem Käfig, und die dunklen Augen wanderten über ihn, als sei er ein Stück Vieh auf dem Markt. Einige von ihnen schnüffelten an dem Käfig, und Franz konnte ihren beißenden Atem riechen. Andere berührten die Eisenstangen und stupsten ihn mit ihren dicken Fingern an, deren harte Nägel wie Krallen geformt waren. Der Regen prasselte auf ihre Leiber und lief in Strömen an ihnen herab, doch die Nässe und Kälte schienen ihnen nichts auszumachen.

»Wo ist der Herr des Landes? «, erkundigte sich der bisherige Sprecher.

»Ich bin der Bürgermeister. Was, bei allen Dunkelgeistern, seid ihr? «, entfuhr es Franz.

»Wir sind Trolle! «, entgegnete das Wesen stolz und richtete sich zu seiner vollen Größe auf, während Franz der Schrecken in alle Glieder steckte. Seit vielen Jahren hatte man keine Trolle mehr gesehen, und inzwischen hieß es, dass sie ausgestorben seien, oder vielleicht sogar, dass sie niemals mehr als Legenden gewesen seien. Jetzt aber standen sie vor ihm, Kreaturen die albtraumgleich aus finsteren Geschichten zurückgekehrt waren.

»Wo ist der Herr des Landes? « fragte der Anführer nun deutlich lauter, mit dunkler Stimme.

 

»Hier….. hier bin ich « hallte es über die Lichtung und der Magier Merlin trat mit hastigen Schritten aus dem Schatten des dichten Gestrüpps hervor. Jan hatte Mühe ihm zu folgen.

Sofort warfen sich die die Waldtrolle ehrfürchtig auf den nassen Waldboden. Merlin bereitete gebieterisch seine Arme über sie, und beruhigte die Kreaturen mit sanfter Stimme. Die sonst so gefürchteten  Trolle waren zahm geworden und suchten den Schutz des Magiers.

Franz wusste nicht wie ihm geschah, so gespenstig und unwirklich war das Geschehen das er durch die eisernen Gitterstäbe seines Gefängnisses unter ihm beobachtete. Er war froh, als er seinen Freund Jan sah. Ist das meine Rettung schoss es dem gepeinigten Bürgermeister durch den Kopf?

Plötzlich schlug ein blitzartiger Feuerstrahl in den alten Eichenbaum, genau in den Ast, wo der Eisenkäfig mit den geschundenen Franz hing. Der Käfig stürzte auf den weichen Waldboden und die vorher so fest verschlossene Tür des Käfigs öffnete sich wie von Geisterhand.

Der starke Regen hatte aufgehört und Sonnenstrahlen drangen durch die Baumwipfel des Ketelwaldes. Als wäre es ein Zeichen von höherer Gewalt gewesen, verschwanden der Magier Merlin und seine Schützlinge, die Waldtrolle, unbemerkt in den tiefen, dunkleren Regionen des Waldes.

Jan der Fischersohn beugte sich über Franz und half ihn wieder auf die Beine, dieser konnte trotz heftiger Schmerzen in seinen Gliedern, das Geschehen kaum fassen. Nachdem Franz seinem Retter Jan von dem ganzen Geschehen berichtet hatte, schafften sie es mit Hilfe der mystischen Kraft von Jan zurück in die Grenzgemeinde zu kommen. Hier wurden sie jubelnd von den Gemeindemitgliedern empfangen.

Jan, dem der Trubel zu groß war, verabschiedete sich von Franz und zog sich in sein Fischerhaus in Nütterden zurück. Er hatte erkannt, dass die Waldtrolle vom Ketelwald keine Gefahr mehr für die Menschen in der Region darstellten.

Nach Wochen der Erholung konnte Franz der Bürgermeister seine Arbeit wieder aufnehmen. Er will weiter zum Wohle seiner Gemeinde arbeiten und mit demokratischen Mitteln seine Überzeugungen durchsetzen.

Die militanten Windkraftgegner mit ihrer kriminellen Energie konnten gefasst werden. Sie  konnten den Bürgermeister nicht, trotz des Leides das sie ihm angetan hatten, von seiner Idee eine Windkraftanlage am Rande des Ketelwaldes zu errichten abhalten. So lange nicht, wie dem Vorhaben keine rechtsstaatlichen Hindernisse entgegenstehen.

 

Der Mythos und die Geschichten der urzeitlichen Trolle vom Ketelwald wird allerdings weiter in den Köpfen der Menschen bestehen bleiben.